Thomas-Müntzer-Gesellschaft e.V.

Zur Person Thomas Müntzer

Thomas Müntzer war eine denkwürdige Persönlichkeit – ein umtriebiger Seelsorger und eigenwilliger Theologe, der sich in den großen Bewegungen seiner Zeit engagierte. Seine Predigten zogen viele Menschen an, aber er wurde wiederholt vertrieben, und er blieb umstritten bis in unsere Zeit. Nach der Verteufelung und Instrumentalisierung ebnete erst im 20. Jh. die Forschung allmählich den Weg zu einem versachlichten Müntzerbild.

Bild von Thomas MüntzerUm 1490 in Stolberg am Harz geboren, studierte er in Leipzig und Frankfurt/ Oder und vielleicht auch in Wittenberg. Nach der Priesterweihe in der Diözese Halberstadt 1514 stand er in mehreren Orten zwischen Braunschweig und Jüterbog in Kirchen- und Schuldienst, seit 1520 dann in Zwickau. Als er dort wegen eines angeblich angestifteten Aufruhrs entlassen wurde, wollte er von Prag aus eine Reformation der ganzen Christenheit anstoßen. Doch ein Echo blieb aus. Nun verstand er sich als „williger Botenläufer Gottes“, bis er Ostern 1523 im kursächsischen Allstedt als Prediger angenommen wurde, seine Vorstellung von der Reformation – in kritischer Distanz zu Martin Luther – verbreitete und im Gottesdienst praktizierte.

Als die sächsischen Fürsten seine Tätigkeit beschränkten, verließ er im August 1524 Allstedt und hielt sich bis Oktober in Mühlhausen auf. Hier ausgewiesen, reiste er über Nürnberg und Basel in den südlichen Schwarzwald, wo inzwischen der Bauernkrieg begonnen hatte. Im Februar 1525 nach Mühlhausen zurückgekehrt, sah er in den aufständischen Bauern die Werkzeuge Gottes, die nun „die Veränderung der Welt“ herbeiführen sollten. Mit einem Mühlhäuser Aufgebot zog Müntzer nach Frankenhausen. Doch die Aufständischen unterlagen am 15. Mai 1525 den Fürstenheeren. Müntzer wurde gefangen genommen, in Heldrungen verhört und am 27. Mai bei Mühlhausen hingerichtet.

Müntzer verstand sich als von Gott gesandter Prophet und die Reformation und den Bauernkrieg als „Zeit der Ernte“, in der sich apokalyptische Erwartungen erfüllten. Die Menschen in die „Ordnung Gottes“ zurückzuführen, von der sie abgefallen seien, schloß eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft ein. Auf lange Sicht bedienten sich kirchen- und gesellschaftskritische Bewegungen seiner Argumente.

Prof. Dr. Günter Vogler

Neuer Lexikonartikel

Müntzer, Thomas, geb. um 1489 in Stolberg am Harz, hingerichtet am 27. Mai 1525 bei Mühlhausen (Thür.), Deutschland; Prediger und führend beteiligt am Bauernkrieg 1525.

Herkunft, Bildung, vorreformatorisches Wirken

Wie Martin Luther stammt auch Thomas Müntzer aus einer Harzgrafschaft, die von der Montanwirtschaft geprägt war. Die bisher in Stolberg seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesenen Namensträger gehörten überwiegend zur städtischen Oberschicht und standen in beruflicher Beziehung zum Grafenhaus. Die Eltern Müntzers sind bislang nicht identifiziert, und ein Einfluss des sozialen Umfelds auf seine Entwicklung ist nicht zu erkennen. Seine Schulbildung erhielt er vermutlich in Quedlinburg, denn er wurde zu Beginn des Wintersemesters 1506/07 als „Thomas Munczer de Quedilburck“ an der Leipziger Universität eingeschrieben. An der Universität in Frankfurt a. d. Oder ist er zu Beginn des Wintersemesters 1512/13 als „Thomas Müntczer Stolbergensis“ eingetragen. Über Dauer und Inhalt seines Studiums ist genauso wenig bekannt wie über Kontakte zu Lehrern und Kommilitonen. Auch über seine Graduierung als Magister artium (erstmals erwähnt 1515) und Baccalaureus biblicus (erstmals erwähnt 1521) existiert kein universitärer Nachweis. Wahrscheinlich hat er zwischen den Studienaufenthalten den üblichen Plattformberuf eines Lateinschullehrers in Aschersleben und Halle ausgeübt. Nach seiner Weihe als Priester der Diözese Halberstadt präsentierte ihn der Braunschweiger Altstadtrat am 6. Mai 1514 für ein gering dotiertes Altarlehen an der Michaeliskirche. Möglicherweise unterrichtete er in der Hansestadt nebenher Privatschüler aus der aufstrebenden Gruppe von Fernhändlern und Handwerkern, die sich auf der Suche nach vertiefter bibelorientierter Frömmigkeit unter Einfluss der spätmittelalterlichen volkstümlichen Mystik um Müntzer scharte. 1515/16 wurde er Präfekt des Kanonissenstifts Frose bei Aschersleben. Hier hatte er sich um die wenigen Stiftsgeistlichen zu kümmern. Nebenher unterrichtete er Bürgersöhne aus dem Braunschweiger Bekanntenkreis. Als 1517 die Ablassproblematik durch die Aktivitäten Johann Tetzels auch in Braunschweig diskutiert wurde, hat Müntzer noch vor Luther dazu kritisch Stellung genommen. Ob er daraufhin Braunschweig verlassen musste und sich nach Wittenberg begab, um sich Klarheit über den Ablass zu verschaffen, ist nicht gesichert.

Konsequenter Mitstreiter der Wittenberger Reformatoren

Seinen Wittenbergaufenthalt zwischen 1517 und 1519 mit mehrmaliger Unterbrechung (Reise nach Franken) nutzte er für humanistische und theologische Studien, schloss sich der frühreformatorischen Bewegung an und trat in Kontakt mit deren Repräsentanten. Ostern 1519 vertrat er den Prediger Franz Günther in Jüterbog, der mit den ortsansässigen Franziskanern in Konflikt geraten war. Müntzers engagierte frühreformatorische Kirchenkritik verschärfte den Konflikt, der zum Vorfeld der Leipziger Disputation gehörte und in dem er den Beistand Luthers erhielt. Ansätze eines persönlichen Sendungsbewusstseins sind erstmalig erkennbar, nachdem er 1519 die Stelle eines Beichtvaters im Zisterzienserinnenkloster Beuditz bei Weißenfels angenommen hatte. Hier fand er auch Muße zu intensivem Studium antiker Autoren, der Kirchenväter, besonders Augustins, der Geschichte der frühen Kirche, aber auch der Akten der Reformkonzile von Konstanz und Basel.

Auf Empfehlung Luthers trat Müntzer im Mai 1520 eine längere Predigtvertretung für den reformhumanistischen Johann Egranus an St. Marien in dem wichtigen Wirtschafts- und Bildungszentrum Zwickau an und verstand diese Vertretung als Berufung zur konsequenten reformatorischen Verkündigung. Bereits seine erste Predigt löste einen Konflikt mit den einflussreichen Franziskanern aus, der mit Hilfe des Rates und des kurfürstlichen Amtmanns beigelegt wurde. Nach Egrans Rückkehr erhielt Müntzer die freie Predigerstelle an der zweiten Stadtkirche St. Katharinen. Wesentliche soziale Unterschiede existierten zwischen beiden Pfarrsprengeln nicht. Im Gegensatz zu Egrans erasmischer Auffassung von Reformation verkündigte Müntzer eine an der Apostelzeit orientierte und unter der Wirkung des Heiligen Geistes erlebbare Glaubensgewissheit. Geführt von dem Tuchmacher Nikolaus Storch sammelte sich um ihn ein Laienkreis mit einer Art reformatorischer Erweckungsfrömmigkeit, mit Kritik an der Kindertaufe und mit apokalyptischen Erwartungen. Egran und seine Predigthörer vertraten dagegen ein eher traditionell ausgerichtetes Reformchristenstum. Müntzers Anhänger prangerten Egran und dessen Anhang als scheinreformatorische Verweigerer des erneuerten Evangeliums an und polarisierten den Konflikt. Am 16. April 1521 wurde Müntzer vom Rat entlassen, und die Spannungen durch die früheste Differenzierung innerhalb der reformatorischen Bewegung waren vorerst entschärft.

Müntzer verließ die Stadt und zog mit ungebrochenem Sendungsbewusstsein nach Böhmen, wo er schon früher die besseren Christen gewähnt hatte. Als prophetischer Knecht Gottes wollte er sie angesichts des Gottesgerichts für den Beginn einer nach dem Vorbild der Apostelzeit gereinigten Kirche gewinnen. Offenbar wurde er anfangs in Prager Universitätskreisen als Repräsentant der Wittenberger Reformation angesehen. Seine verschärfte antiklerikale Polemik und seine Verkündigungsschwerpunkte (Christusnachfolge, lebendige Gotteserfahrungen, Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfungsordnung) legte er im November 1521 in einer lateinischen, zwei deutschen und einer tschechischen Fassung eines Sendbriefes dar. Er fand nur eingeschränkt Gehör, wurde unter Aufsicht gestellt und noch vor Jahresende genötigt, das Land zu verlassen. Bis zum Jahresende 1522 gibt es dann nur Spuren von Versuchen Müntzers, eine Anstellung und einen neuen Ansatzpunkt für seine Sendung zu finden. Um die Jahreswende 1522/23 erhielt er eine Kaplanstelle im Zisterzienserinnenkloster Glaucha bei Halle, die er nach drei Monaten allerdings wieder verlassen musste.

Für eine Gemeinde der Auserwählten angesichts des nahenden Gerichts

Noch Ostern 1523 konnte er die Pfarrstelle an der Neustadtkirche in der kursächsischen Enklave Allstedt übernehmen und die anstehende Neuordnung des Gottesdienstes sogleich in Angriff nehmen. Er übersetzte Ordnungen einer deutschen Messe aus dem Lateinischen Messbuch und aus den Stundengebeten Ordnungen eines deutschen Wochengottesdienstes, jeweils für fünf Kirchenjahreszeiten. Diese ersten vollständigen deutschen, schon praktizierten Gottesdienstordnungen hat er vermutlich noch im selben Jahr für den Druck bei Nikolaus Wiedemar in Eilenburg vorbereitet. Er fasste in Allstedt schnell Fuß, heiratete die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen und betrieb den Umbau der Allstedter Neustadtkirche zu einer Gemeinde der Auserwählten. Die erneute Kontaktaufnahme zu Luther misslang, die zu Andreas Karlstadt kam zustande. Bald schon übten seine Gottesdienste eine große Anziehungskraft auf die ganze Region aus. Sie beunruhigten die antireformatorischen Obrigkeiten, vor allem als die Erneuerung des Wormser Mandats durch das Reichsregiment den sächsischen Fürsten im Mai 1523 zugegangen war. Vor diesem Hintergrund entstand wohl Müntzers erste Druckschrift, der Ernste sendebreff an seine lieben bruder zu Stolberg unfuglichen auffrur zu meiden (1523). Er betonte, dass die Ankunft der Christusherrschaft den wahren Glauben voraussetzt, der von den Auserwählten zu erlangen sei.

Im September 1523 kam es zum offenen Konflikt mit Graf Ernst von Mansfeld auf Heldrungen, nachdem dieser seinen Untertanen mehrfach den Besuch der „ketzerischen“ Gottesdienste in Allstedt verboten und Müntzer ihn darauf hin zum Feind des Evangeliums erklärt hatte. Als der Kurfürst eingeschaltet wurde, rechtfertigte sich Müntzer mit dem Hinweis auf seinen Predigtauftrag durch Gott und die Schutzpflicht der Fürsten, deren Amt durch das Gottesgericht befristet sei. Als Verteidigung der Gottesdienstreform erschien bei Wiedemar seine Ordnung vnd berechnunge des Teutschen ampts zu Allstadt (1523), eine Erläuterung seiner Ordnung der Messe, der Taufe, Trauung, des Krankenabendmahls und der Bestattung. Müntzer hat in Allstedt an der Kindertaufe festgehalten, aber den Paten ihre Verantwortung für die Glaubenserziehung der Heranwachsenden eingeschärft. Ob die überlieferten Erwägungen zur Einführung eines jährlichen Tauftermins und zu einem Taufaufschub bis ins 6. bzw. 7. Lebensjahr noch aus der Allstedter Zeit stammen, ist nicht sicher. Vermutlich ist der Konflikt um Müntzers Gottesdienstreform und seine Verkündigung erst während eines Aufenthalts von Kurfürst Friedrich und Gefolge vom 4. bis 14. November 1523 auf Schloss Allstedt während einer Reise zum Nürnberger Reichstag geklärt worden. Eventuell aus diesem Anlass erschien der kritische Traktat Protestation odder empietung Tome Mu(e)ntzers von(n) Stolberg am Hartzs seelwarters zu Allstedt seine lere betreffend vnd zum anfang von dem rechten Christen glawben vnnd der taufe (1523). Im Nachgang zu den „Lehrgesprächen“ auf dem Schloss hat Müntzer vielleicht seine letzte kleine Schrift veröffentlicht: Von dem gedichten glawben (1523). Er forderte, dass der anerzogene (gedichtete) Glaube durch den wahren ersetzt werden müsse, der nur in der Leidensnachfolge Christi zu erlangen sei.

Im Frühjahr 1524 schalteten sich die ernestinischen Landesherren erneut ein, als Anhänger Müntzers die nahe gelegene Mallerbacher Feldkapelle des Klosters Naundorf niedergebrannt hatten und die Äbtissin die Bestrafung der Täter forderte. Lange konnten der Allstedter Rat und der Schosser Hans Zeiß eine Untersuchung hinauszögern. Erst im Juni wurde auf Druck von Herzog Johann ein Ratsmitglied verhaftet. Auswärtige Gottesdienstbesucher waren zunehmend Repressalien durch die Obrigkeiten ausgesetzt und selbst nach Allstedt Geflohene mussten mit ihrer Auslieferung rechnen. Die Allstedter wollten sich gegen Eingriffe von außen zur Wehr setzen. Müntzer bemühte sich, die drohende Eskalation durch einen Versuch zu verhindern, die Landesherren für den Schutz der Auserwählten zu gewinnen. Am 13. Juli hielt er vor Herzog Johann und Gefolge auf dem Schloss eine Predigt über Daniel 2: vom Niedergang der Weltreiche, dem Aufstieg der Christusherrschaft und der Rolle, die den Obrigkeiten dabei zugedacht sei. Diese bemerkenswerte Predigt wurde sofort in der Allstedter Druckerei, die Müntzer nach der Schließung der Eilenburger Offizin hatte einrichten lassen, gedruckt. Bereits im Sommer 1523 hatte Müntzer seine Getreuen in einem geheimen Schutzbund gesammelt und in dieser angespannten Lage formierte sich am 24. Juli in aller Öffentlichkeit ein Verteidigungsbündnis, dem auch Auswärtige angehörten und das auch an anderen Orten angestrebt wurde (z. B. in Orlamünde). Luther reagierte mit seinem Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist (1524), in dem er die Landesverweisung des gewaltbereiten Predigers forderte. In einem Verhör von Müntzer, Rat und Schosser am Weimarer Hof Ende Juli/Anfang August 1524 wurde Müntzer ermahnt, der Bund sollte aufgelöst und der Drucker entlassen werden. Nach seinem vergeblichen Versuch, Schosser und Rat auf seine Seite zu ziehen, verließ Müntzer in der Nacht vom 7. auf den 8. August die Stadt und versuchte ab Mitte August, mit dem ehemaligen Zisterzienser Heinrich Pfeiffer aus der reformatorischen Bewegung in der Freien Reichsstadt Mühlhausen wiederum eine Gemeinde der Auserwählten aufzubauen. In den von ihm oder mit seiner Beteiligung erarbeiteten Elf Artikeln wurde ein neuer Rat gefordert. Vermutlich wurde angesichts des sich zuspitzenden Konflikts mit dem Stadtregiment auch ein „ewiger Bund Gottes“ gegründet, der militärisch organisiert war. Mit Hilfe eines Aufgebots aus dem Landgebiet konnte der Rat Müntzer und Pfeiffer jedoch Anfang Oktober ausweisen.

Müntzers Protestation und Von dem getichten glawben gelangten in die Hände der Prototäufer um Konrad Grebel in Zürich, und durch Hans Hujuff aus Halle, der ihnen nahestand, erhielten sie weitere Informationen über Müntzers Wirken in Allstedt. Anfang September schrieb Grebel im Namen seiner Gruppe an Müntzer, den „mitbru(o)der in Christo“, um mit ihm „ein gemein künft(i)g gesprech“ aufzunehmen. Wie bei anderen Kritikern der herkömmlichen Kindertaufe, vor allem Andreas Karlstadt und Jakob Strauß, fanden sie auch in seinen Schriften Gemeinsamkeiten. Herausgestellt wurden vor allem der in der Leidensnachfolge erworbene wahre Glaube, die Kritik an der Kindertaufe, die Verurteilung der halbherzigen Reformatoren, die Reinigung der Kirche nach apostolischen Kriterien. Bedenken wurden ebenfalls nicht verschwiegen, vor allem nicht die Geltung von Zeremonien und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung, um die Reformation durchzusetzen. Der Akzent lag auf der Suche nach einem Gesprächspartner und nicht auf Kritik an einem radikalen Reformator. Der Brief hatte Müntzer wohl nicht erreicht, da er Allstedt bereits verlassen hatte, und ein Gespräch war nicht zustande gekommen.

Hoffnung auf die Aufständischen als Werkzeug des göttlichen Gerichts

Nach seiner Ausweisung aus Mühlhausen sind Müntzers Spuren erst wieder in Nürnberg zu erkennen. Der durch Hans Hut vermittelte Druck der überarbeiteten Allstedter Schrift Außgetrückte emplössung des falschen Glaubens der ungetrewen welt (1524) im Oktober in Nürnberg wurden durch den Rat beschlagnahmt und die im Dezember von ihm selbst in den Druck gegebene Abrechnung mit Luther, die Hoch verursachte Schutzrede und antwort wider das Gaistloße Sanfftlebende fleysch zu Wittenberg (1524) ebenfalls. Weder in Nürnberg noch bei seinem nachfolgenden Zusammentreffen mit dem Basler Reformator Oekolampad trat Müntzer öffentlich auf. Eine Begegnung mit den Zürcher Prototäufern ist nicht bezeugt, denkbar dagegen ist ein Besuch bei Balthasar Hubmaier in Waldshut. Für die bäuerliche Aufstandsbewegung im Klettgau hat Müntzer eventuell Artigkel, wye man herschen soll verfasst. Vermutlich sah er im aufständischen Volk das nunmehr berufene Werkzeug für das Gottesgericht, nachdem sich die geordneten Obrigkeiten geweigert hatten, diese Aufgabe zu übernehmen. Im Februar 1525 kehrte er nach Mühlhausen zurück, übernahm das Pfarramt an der Marienkirche und trieb den Aufbau einer Gemeinde der Auserwählten vor dem nahen Gottesgericht weiter voran. Nach der Vorgabe der Elf Artikel wurde ein neuer, ein „ewiger“ Rat gewählt. Als Ende April die aufständischen Aktivitäten auf Thüringen übergriffen, sah Müntzer darin eine Entscheidung Gottes, die bisherigen Ordnungen abzuberufen und die Trennung der Auserwählten von den Gottlosen einzuleiten. Er rief nun die ehemaligen Allstedter Bundesmitglieder und alle Glaubenswilligen auf, sich an der Erhebung nach Gottes Willen zu beteiligen. Nach einem angeforderten kurzen Kriegszug auf das Eichsfeld begab er sich auf das dringende Hilfeersuchen der Aufständischen mit der Hälfte des Mühlhäuser Aufgebots nach Frankenhausen, wo sich die Aufständischen in Thüringen sammelten. Dort wurde die Entscheidungsschlacht mit dem heranziehenden hessisch-sächsischen Fürstenheer erwartet (Bauernkrieg). Nach einem Scharmützel am Vortage trafen am 15. Mai die Gegner aufeinander. Der Ablauf der Schlacht ist nicht eindeutig zu klären. Fast ohne Gegenwehr wurden die meisten Aufständischen vernichtet. Müntzer wurde auf der Flucht gefasst und auf Schloss Heldrungen gefangen gehalten. Nach einem Verhör wurde er gemeinsam mit Heinrich Pfeiffer im Fürstenlager vor Mühlhausen hingerichtet, nachdem er die Mühlhäuer zur Beendigung des Kampfes aufgefordert hatte. Als Ursache der Niederlage benannte er den Eigennutz der Aufständischen und seinen Tod verstand er als Sühneopfer für den Ungehorsam des Volkes gegen den Willen Gottes. Seinen göttlichen Auftrag hat er jedoch nicht in Frage gestellt.

Reformatorische Theologie mit eigenen Akzenten

Der theologische Rahmen seines Sendungsbewusstseins ist nicht eindeutig zu bestimmen. Als akademisch gebildeter reformatorischer Theologe achtete er die altkirchliche Bekenntnistradition (Trinitätslehre), setzte aber eigene Akzente. Im Zentrum seiner Verkündigung stand die Aufgabe, den „gedichteten“ Glauben zu entlarven, auf dem unverzichtbaren, leidgeprägten Weg eines jeden Menschen zum wahren Glauben in der Nachfolge Christi zu bestehen, das göttliche Gericht anzukündigen und dazu beizutragen, die ursprüngliche Ordnung Gottes mit der unmittelbaren Herrschaft Gottes über die Menschen und der Menschen über die Kreaturen wiederherzustellen. In seiner Argumentation orientierte Müntzer sich an der Bibel, die er nach dem Vorbild der frühkirchlichen Tradition als Einheit verstand. Die Apostelzeit hatte insgesamt für ihn eine stärkere normierende Funktion als für die meisten reformatorischen Theologen. Für die Beschreibung des Heilsprozesses nutzte er Denk- und Ausdrucksformen der spätmittelalterlichen Mystik , für seine Gerichts- und Zukunftsankündigungen auch Elemente der apokalyptischen Tradition. Müntzer hat diese Traditionselemente miteinander verknüpft und die Vorstellungen vom Heilsprozess im Menschen mit der Gestaltung der Welt angesichts des nahenden Gerichts verbunden. Die Furcht vor den Kreaturen wurde durch die Gottesfurcht beseitigt, und darin wurzelte die Aufforderung, sich den Ordnungen, die sich der Kreaturenfurcht verdankten, aufs Entschiedenste zu widersetzen.

Wirkungen

Müntzers Betonung des erfahrenen Glaubens, seine Kritik der traditionellen Taufe und der Ständeordndung, seine Orientierung an der Apostelzeit u. a. wurden schon früh da aufgenommen, wo ein alternatives Glaubensverständnis neben der lutherischen und zwinglischen Reformationsbewegung zur Geltung gelangte. Mit verändertem Titel und unter dem Pseudonym Christian Hitz von Salzburg erschien seine Schrift gegen den Getichten glawben 1526 als Augsburger Druck. Abschriften kursierten noch 1531 in Täuferkreisen. Spiritualisten wie Sebastian Franck und Valentin Weigel kannten Müntzers Schriften, ebenfalls der Nürnberger Täufer Hans Denck. Später sorgte Gottfried Arnold erneut für eine Rezeption, wenn auch nicht ohne Vorbehalt. Müntzers Beteiligung am Bauernkrieg wurde vor allem durch die Wittenberger Gegenschriften für die Nachwelt in Erinnerung gehalten, so dass er als Prototyp eines Schwärmers und Aufrührers bis ins 20. Jahrhundert galt. Die bis ins letzte Jahrhundert vertretene Auffassung vom engen Zusammenhang der Täuferbewegung mit Müntzer gründete sich zunächst nicht auf die Grebelbriefe, die erst im 18. Jahrhundert bekannt wurden.Verantwortlich hierfür war (neben der vermuteten Verbindung von Müntzer und dem Täuferreich zu Münster) vor allem die Auffassung Philipp Melanchthons vom Ursprung der Wiedertaufe im Kreis der Zwickauer Propheten (Müntzer als Schüler Nikolaus Storchs) und die Darstellung der Täufer durch Heinrich Bullinger.Vor allem hat sich durch die neueren Forschungen ein Einfluss Müntzers auf das mittel- und oberdeutsche Täufertum über Hans Hut bestätigt, der zu Recht ein „Erbe Müntzers“ (Gottfried Seebaß) genannt wurde.

Mit seinem Enfluss auf die Geschichte des protestantischen Gottesdienstes, auf die Frömmigkeit der Christusnachfolge und auf die Ausbildung der Obrigkeitskritik und Widerstandslehre ist Thomas Müntzer eine gesamthistorische Bedeutung zuzusprechen.

Quellen

Literatur

Siegfried Bräuer

Aus: Mennonitisches Lexikon, Bd. 5, Teil 1, hg. von Hans-Jürgen Goertz, 2010 (www.mennlex.de)
Copyright ©2005-2016 Thomas-Müntzer-Gesellschaft e.V.