Thomas-Müntzer-Gesellschaft e.V.

Berichte


Bericht des Vorsitzenden Prof. Hans-Jürgen Goertz

Jahresversammlung der Thomas-Müntzer-Gesellschaft am 28. Mai 2016 im Kulturhistorischen Museum in Mühlhausen

Ich hatte bereits im letzten Jahr angeregt, den Vorsitz der Thomas-Müntzer- Gesellschaft in jüngere Hände legen zu lassen. Und nun ist es soweit. Der Vorstand muss auf dieser Jahresversammlung unseres Vereins neu gewählt werden, und nichts spricht dagegen, diese formale Zäsur mit einer inhaltlichen zu verbinden. Es werden also nicht nur die Vorstandsmitglieder neu gewählt, sondern auch der Vorsitz neu geregelt.

Günter Vogler hat die Geschicke der Müntzer-Gesellschaft seit der Gründung 2001 acht Jahre lang geleitet; und es ist für mich ein kleines Zeichen unserer Verbundenheit, dass ich seine Arbeit ebenso lange fortführen durfte - nicht anders und nicht in Konkurrenz zu ihm, sondern in seinem Sinne. Wir haben uns bemüht, Leben und Werk Thomas Müntzers nach der sogenannten Wende 1989 im Gespräch zu halten. Mit Müntzer, der seine Landesherren in der Fürstenpredigt auf die Hinfälligkeit weltlicher Macht hingewiesen hatte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, "Staat zu machen"; doch mit dem Niedergang dieses Staates drohte auch Müntzer, die Symbolfigur der DDR, unterzugehen; nicht er, sondern die Erinnerung an ihn. So hatten sich Historiker und Theologen zusammengefunden, um die Erkenntnisse aufzunehmen und weiter zu diskutieren, die in der neueren Forschung zu Tage gefördert worden waren, im Osten nicht immer nur in Übereinstimmung mit der Geschichtspolitik der Staatsführung, und im Westen nicht immer nur als nachhaltige Bestätigung der Denunziationsgeschichte, die mit Martin Luther, Philipp Melanchthon und Johannes Agricola begonnen und sich tief ins Gemüt der historisch Interessierten eingegraben hatte. Sowohl im Osten als auch im Westen war die Interpretation Müntzers zu einem Problem geworden. Die einen begannen einzusehen, dass die Theologie kein Deckmantel gewesen sei, unter dem andere als religiöse Ziele verfolgt wurden; und die anderen sahen ein, dass der Sinn der Theologie Müntzers sich nur erschließt, wenn sie als Reflex auf Probleme in der Erfahrungswelt verstanden wird. Der gegenseitige Vorwurf, hier zu wenig Theologie und dort zu viel Theologie, begann sich aufzulösen. Oder anders auf den Punkt gebracht: Müntzer war als Sozialrevolutionär ernstzunehmen, weil er Theologe war, und er war als Theologe ernstzunehmen, weil er Verständnis für das sozialrevolutionäre Aufbegehren des "gemeinen Mannes" zeigte. Kurz vor der Wende war die Müntzerforschung zu einem kreativen Problembewusstsein erwacht, und das sollte nicht mehr vergessen werden. Das also war ein Motiv, das einst zur Gründung der Müntzergesellschaft führte. Das war auch der Gedanke, der die Vortrags- und Publikationsstrategie der Gesellschaft geleitet hat. Geleitet hat die Aktivitäten der Gesellschaft ebenso, was man die Pflege der Erinnerungskultur nennen könnte, in der Müntzer eine tragende Rolle spielte und immer noch spielt. Hier konnten wir an Beispiele anknüpfen, die im Alltag der DDR-Gesellschaft verwurzelt waren: Müntzer in Bildender Kunst, im Roman und Drama, im Film und Fernsehen, im Schulbuch und im politischen Argument.

Eric Gritsch hat im Titel seiner nordamerikanischen Müntzerbiographie vom "Reformer ohne Kirche" (1967) gesprochen. Das ist nur zum Teil richtig. In Zwickau, Allstedt und Mühlhausen stand Müntzer auf der Kanzel wichtiger Kirchen und hat versucht, diese Kirchen in sein Reformwerk hineinzuziehen, die Kirche nicht ohne, sondern mit den Gemeindegliedern zu erneuern. Richtig ist, dass er nach seiner Hinrichtung aus den Analen seiner Kirche gelöscht wurde und keine Kirche sich mehr seiner in liebevoller Zuwendung erinnerte. Unsere Thomas-Müntzer-Gesellschaft ist alles andere als eine Kirche, aber sie ist die einzige Körperschaft in Deutschland, die sich der Erinnerung an Thomas Müntzer verschrieben hat.

Theologie und soziale Erfahrung, ebenso Forschung und Erinnerung sind der Rahmen, in dem die TMG ihre Aufgaben gesucht hat. Ein bestimmtes Konzept, das nach und nach hätte abgearbeitet werden müssen, hat sie sich nicht verordnet. Sie hat kein Budget, das sie in die Lage hätte versetzen können, Forschungsprojekte anzuregen und finanziell auszustatten. Sie lebt immer noch von der Arbeitskraft einiger Mitglieder, die sich seit langem in der Forschung engagiert haben, und von den Kontakten, die der eine oder andere in der sich weltweit entfaltenden Community of Scholars unterhielt: in Italien, Spanien und England, in Nordamerika, Japan und Neuseeland. Sie hat die neueren Forschungsbeiträge begleitet, sie teilweise in ihrer Homepage, auf ihren Veranstaltungen und in brieflichen Antworten auf Anfragen bekannt gemacht. Einige von uns haben bei Filmproduktionen, wie dem Filmporträt Thomas Müntzers in der ZDF-Folge Die Deutschen oder dem Müntzerfilm im Mitteldeutschen Fernsehen, Satan von Allstedt, beraten. Es ist uns aber nicht gelungen, die Verteuflung, ein Lutherzitat übrigens, aus dem Titel zu streichen. Einige haben die eine oder andere entstehende wissenschaftliche oder journalistische Arbeit gefördert. So hat Herr Müller das kleinste Buch, das es über Müntzer gibt, betreut: Heinz Stade, Thomas Müntzer. Stationen seines Lebens und Wirkens, Ilmenau 2016. Demnächst wird ein Vademekum zu Reisen nach Stätten der Reformation in Mitteldeutschland von Günter Kowa erscheinen, mit einigen markanten Abschnitten über Thomas Müntzer auf dem neusten Stand der Forschung. Mit Herrn Kowa sind wir seit einiger Zeit im Gespräch. Er hat in der mitteldeutschen Presse gelegentlich von Veranstaltungen der TMG berichtet. Hier und da haben wir versucht, Fehlinformationen und -urteile über Thomas Müntzer in Lexika oder Informationsbroschüren korrigieren zu lassen - ebenso erfolgreich in der neuen Ausstellung auf dem Allstedter Schloss. Im Gesangbuch der Evangelischen Kirche, in der sich zwei Lieder Müntzers aus dem Allstedter Liturgiewerk finden, steht immer noch, dass Müntzer Mönch gewesen sei, bevor er auf den Kurs der Reformation einschwenkte. Er war Priester der Diözese Halberstadt, nicht Mönch.

Die TMG hat den Kontakt zur Partei der LINKEN nicht gescheut und im Mai 2012 ein gemeinsames Tagungswochenende in Mühlhausen bestritten. Politiker von rechts und links waren dabei, der jetzige Ministerpräsident von Thüringen, die lutherische Botschafterin für die Jubiläumsvorbereitungen, eine Pröpstin und ein jüdischer Hochschullehrer aus Erfurt. Ein Chor aus Nürnberg hat Teile der gregorianischen Liturgie, die Müntzer einst reformatorisch erneuerte, in der Marienkirche zu Gehör gebracht. Erstaunlich, wen Müntzer heute anzuziehen vermag. Ein wenig Wasser von der voluminösen Müntzerbibliographie, die Marion Dammaschke und Günter Vogler auf den Markt gebracht haben, von dem kritisch editierten Quellenband zu Müntzer von Siegfried Hoyer und Wieland Held und dem Briefwechsel Thomas Müntzers von Siegfried Bräuer und Werner Kobuch fließt inzwischen auf die Mühlen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft. Das erwarten wir auch von der neuen Edition der Müntzerschriften, die Eike Wolgast, ich begrüße ihn unter uns, gerade vorbereitet und bald erscheinen lässt. Ganz besonders aber erwarten wir das von der Thomas Müntzer-Biographie, die Siegfried Bräuer und Günter Vogler im Gütersloher Verlagshaus gerade herausgebracht haben. Sie liegt - mit ihrem ganzen Gewicht - bereits auf unserem Büchertisch, hier einige Wochen eher als in den Buchhandlungen, ein besonderer Service für die TMG. Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Abschluss, eine reiche Ernte wurde eingefahren, und Anfang zugleich, wir werden aufgefordert, mit dem Müntzerstudium noch einmal zu beginnen. Das eine steht jetzt schon fest: Es wird ein langes Studium werden.

Die Müntzer-Gesellschaft hat den Kontakt zur Presse, vor allem der lokalen und regionalen Presse in Mitteldeutschland gepflegt. Einige Veröffentlichungen ihrer Mitglieder sind, indem sie mit der Müntzer-Gesellschaft in Verbindung gebracht wurden, in den wichtigeren Zeitungen besprochen worden. Um kurz von mir zu reden, meine revidierte Biographie Müntzers aus dem letzten Jahr wurde von rechts nach links besprochen, in der Neuen Zürcher Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die Regionalpresse in Mitteldeutschland bis zum Neuen Deutschland. Da muss doch an Müntzer etwas dran sein, wenn sich heute eine Gesellschaft um ihn bildet, um diese im sozialen Gedächtnis oft malträtierte Gestalt. So ziehen auch die jährlichen Veröffentlichungen, zu denen uns die Satzung der TMG verpflichtet, inzwischen weitere Kreise. Einige sind bereits vergriffen, andere werden in Wissenschaft und Feuilleton gelegentlich zitiert. Insgesamt hat unsere Reihe auch einige Autoren angezogen, ihre eigenen Arbeiten in ihr zu veröffentlichen: so den Geprägte(n) Reformator. Thomas Müntzer in der Numismatik, kein Heft, sondern ein veritabler Katalog von Monika Lücke und Wilfried Matzdorf zur Ausstellung in der Kornmarktkirche 2012, oder Günter Voglers Thomas Müntzer in einer Bildergeschichte, eine Koproduktion des Vereins für Reformationsgeschichte und der TMG, oder die Festschriften für Siegfried Bräuer und Günter Vogler, schließlich das prallgefüllte Heft des Alttestamentlers Rüdiger Schmitt über Nebukadnezzars Traum von den vier Weltreichen und die Auslegung des Danielbuchs in der "Fürstenpredigt" Thomas Müntzers - eine Arbeit, die aus einem Forschungsprojekt an der Universität Münster hervorgegangen ist und deren Druck uns aus Geldern dieses Projekts finanziert wurde, wie auch die anderen genannten Publikationen für uns teilweise fremdfinanziert wurden: von Landeskirchen, der Sparkassen- Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Sparkasse Unstrut-Hainich, von den Mühlhäuser Museen und immer wieder einmal von einigen Einzelpersonen. All das ist ein Werbeerfolg der bestehenden Reihe. Dass diese Reihe nicht nur aus den Mitteln der Mitgliedsbeiträge finanziert wurde, sondern aus einem jährlichen Druckkostenzuschuss der Stadt Mühlhausen, möchte ich an dieser Stelle noch einmal mit besonderem Dank an den Herrn Oberbürgermeister und das Stadtarchiv Mühlhausen erwähnen. In unserer Mitte begrüße ich die Bürgermeisterin der Stadt. Dankbar sind wir, dass uns dieser Zuschuss jetzt vertraglich zugesichert wurde und wir ihn nicht mehr Jahr um Jahr neu einwerben müssen. Erwähnen möchte ich noch etwas anderes: Die Arbeit an der Drucklegung - Korrektur und Layout - wurde von Mitarbeitern der Mühlhäuser Museen übernommen, zuletzt vor allem von Rainer Gruneberg, und der Versand von Mitarbeiterinnen in den Sekretariaten der Museen, nicht nur der Versand, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit für die TMG. Frau Weisbrich, die sich um unsere Öffentlichkeitsarbeit rührend kümmert, muss manches Mal wohl gedacht haben, dass der Vorsitzende der Müntzer-Gesellschaft mit seinen häufigen Telefonaten der irrigen Annahme erlegen sei, ein weisungsbefugter Vorgesetzter im Museum zu sein. Eigens erwähnen möchte ich noch Folgendes: Wenn Thomas Müller, der Museumsdirektor, Studierende und Touristen gruppenweise durch Mühlhausen führt, setzt er sie auch auf die Fährte Thomas Müntzers und vergisst nicht, unsere Gesellschaft und ihre Schriften zu erwähnen und für sie zu werben. Für uns ist es ein Glücksfall, dass wir diese Personalunion von Schriftführer und Museumsdirektor nutzen durften.

Ich erwähne dies alles, um zu zeigen, dass die TMG zwar immer noch von der Hand in den Mund lebt, aber dass gerade darin auch der besondere Reiz für mich steckte, auf diese irreguläre, doch kostengünstige Weise den Auftrag der TMG erfüllen zu können: Thomas Müntzer, wo immer es geht, an möglichst vielen Ecken und Enden, ins Gespräch zu bringen und im Gespräch zu halten.

Ich weiß nicht genau, wie das in der Öffentlichkeit ankommt, was sie als Mitglieder der Gesellschaft betrifft, habe ich aber das Gefühl, dass es Ihnen Freude bereitet, in ihr zu sein und mitzuhelfen, die Forschungen zum "ungeliebten Bruder" Martin Luthers zu unterstützen und die Erinnerung an ihn wach zu halten. Und so kann ich Ihnen mit besonderer Genugtuung und Dank mitteilen, dass unsere Gesellschaft peu à peu gewachsen ist und immer noch wächst, gerade wieder durch mehrere Neuzugänge in den letzten Wochen. Wir sind jetzt bei 85 Mitgliedern und Mitgliederinnen angelangt.

Abschließend möchte ich noch auf eine Aufgabe zu sprechen kommen, die sich der TMG in dieser Zeit besonders stellt. Im nächsten Jahr wird "500 Jahre Reformation" gefeiert: Landauf und landab laufen seit fast zehn Jahren die Vorbereitungen auf dieses Jubiläum, die die Thesen Martin Luthers gegen den Ablass zur Erlangung des Heils zum Anlass nehmen, ein Erinnerungsfest in großem Stil zu feiern. Geworben wird mit einem Logo, das den Wittenberger Reformator zeigt, und vieles deutet darauf hin, dass die Engführung auf Luther alle verdrängt, die sonst noch an der Reformation beteiligt waren, nicht nur ihre erfolgreichen Agitatoren, sondern auch deren Opfer - Thomas Müntzer, der hingerichtet, Andreas Bodenstein von Karlstadt, der außer Landes gewiesen wurde, die Täufer und Spiritualisten, die verfolgt, vertrieben und oft mit dem Tod bestraft wurden, und der spanische Arzt Michael Servet, der 1553 auf dem Scheiterhaufen in Genf verbrannt wurde. Früh schon haben sich einige aus unserer Gesellschaft eingeschaltet und in Gesprächen und kleineren, streitbaren Publikationen versucht, dieser Tendenz gegenzusteuern. Zuletzt hat das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland den Vorsitzenden der Thomas-Müntzer-Gesellschaft gebeten, in der Reihe Reformation heute ein Heft unter dem Stichwort "Revolution" zu veröffentlichen. Es wird die Vorfreude vieler ein wenig trüben, es wird andere aufhorchen lassen, hoffe ich, dass unter dem klein gesetzten Logo auf einmal in großem Format das berühmte, leider nicht authentische Kupferstichporträt Thomas Müntzers aus der Ketzergalerie Christoffel van Sichems hervorlugt, als ob auch er etwas zum Thema "Reformation heute" beizutragen hätte.

Thomas Müntzer war der Gegenspieler Martin Luthers, zunächst aber war er Sympathisant des Wittenbergers, beteiligte sich an Gesprächen und Auseinandersetzungen um eine reformatorische Theologie, als alles noch in Fluss war, und er wird seine Gründe gehabt haben, ziemlich plötzlich für eine "andere Reformation", aber eben doch Reformation, einzutreten. Er gehört wie Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier zur Problemgeschichte der Reformation. Die Thomas- Müntzer-Gesellschaft wird im nächsten Jahr mit einem Kolloquium, das zunächst provisorisch "Thomas Müntzer, Reformation und die Frage der Gewalt" genannt werden könnte, dazu beitragen, dass das Jubiläum nicht überall in einem Jubelfest aufgeht, das Martin Luther "in den Himmel hebt", sondern dass die "Problemgeschichte der Reformation" umsichtig erörtert wird. Wenn es denn so ist, dass der Wittenberger Reformator der Welt von heute noch etwas zu sagen hat, sollte auch gefragt werden, ob nicht der vor den Toren Mühlhausens Hingerichtete und irgendwo in der Feldmark Verscharrte mit seinem unerschütterlichen Glauben an eine "zukünftige, unüberwindliche Reformation" ebenso den einen oder anderen Gedanken beisteuern könnte.

Ich danke allen in der Thomas-Müntzer-Gesellschaft, besonders natürlich dem Vorstand, dass wir mit Müntzer gemeinsam soweit gekommen sind. Es waren gute Jahre mit Ihnen allen, Ihrem Engagement, Ihren Anregungen und Ihrer Sympathie für die Erinnerungsarbeit an Thomas Müntzer.

Hans-Jürgen Goertz


Neue Dauerausstellung über Thomas Müntzer im Schloss Allstedt

Das Bundesland Sachsen-Anhalt verfügt über ein reiches historisches Erbe, zu dem die Reformation und die Aufstandsbewegungen am Anfang des 16. Jahrhunderts zählen. Das öffentliche Interesse an der Geschichte ist spürbar gewachsen, nicht zuletzt weil im „Kernland der Reformation“ das 500jährige Reformationsjubiläum 2017 aufwendig vorbereitet wird. Vor allem die Orte, die in der Vita Martin Luthers eine Rolle spielen – besonders Eisleben, Mansfeld und Wittenberg – sind bekannte Besucherziele, die mit ihren in den letzten Jahren teilweise großzügig restaurierten kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten werben.

Das Reformationsjubiläum erweist sich aber auch zunehmend als Chance für authentische Orte des Geschehens, die aus unterschiedlichen Gründen in den letzten Jahrzehnten eher vergessen schienen. Das gilt für die kleine Stadt Allstedt. Der Prediger und radikale Reformator Thomas Müntzer wirkte hier von März 1523 bis August 1524. Luthers Verdikt über den „Satan von Allstedt“ beherrschte die Reformationsgeschichtsschreibung über Jahrhunderte hinweg.

Thomas Müntzer - Ein Knecht Gottes

Seit Ende November 2014 gibt es im Burg- und Schlossmuseum Allstedt eine neue Dauerausstellung: „1523 – Thomas Müntzer. Ein Knecht Gottes“. Kurator ist der junge Historiker Adrian Hartke, der das Museum seit einiger Zeit leitet. Konzeptionell wurde er u.a. von Mitgliedern der Thomas-Müntzer-Gesellschaft beraten, vor allem von Prof. Siegfried Bräuer, der die vorbereitenden Arbeiten aktiv unterstützte und zusammen mit Prof. Günter Vogler im Ausstellungsvideo interviewt wird. Die feierliche Ausstellungseröffnung fand in der barocken Schlosskapelle statt. Aus diesem Anlass hielt Prof. Bräuer einen Einführungsvortrag, der von den zahlreichen Veranstaltungsgästen sehr interessiert aufgenommen wurde.

In den elf (zum Teil sehr kleinen) Schlossräumen wird vor allem Müntzers anderthalbjähriges Wirken in Allstedt gewürdigt. 1523 übernahm Thomas Müntzer das Pfarramt an der Kirche St. Johannis. Hier wurde erstmals der Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Seine Schriften zur Gottesdienstreform wurden in der eigens dafür in der Stadt eingerichteten Werkstatt gedruckt. 1523 erschien das Deutsche Kirchenamt, und ein Jahr später folgte die Deutsche Evangelische Messe.

Auf Schloss Allstedt predigte Müntzer im Juli 1524 vor Herzog Johann von Sachsen und Kurprinz Johann Friedrich. Seine Auslegung der Daniel-Prophezeiung – die sogenannte Fürstenpredigt- ist ein wichtiges Dokument der Reformationsgeschichte und wird als Faksimile ausgestellt. Deren Inhalt und Bedeutung wird jedoch nur in Ansätzen erklärt. Überwiegend wird auf die Wirkung der einzelnen Objekte gesetzt, und wenige Texte vermitteln historische Fakten. Zudem wird einfallsreich versucht, die Ausstellung auch für Kinder zu einem interessanten Erlebnis werden zu lassen.

Insgesamt werden mehr als 100 Exponate gezeigt, darunter sind mehrere Leihgaben aus Kirchen und Gemeinden der Region, die sowohl die Alltagsfrömmigkeit dokumentieren als auch Zeugnis von Müntzers Lehre über die wahre christliche Ordnung und ein gottgefälliges Leben ablegen. Angesichts der Tatsache, dass es nur wenige persönliche Zeugnisse von Müntzer gibt und verlässliche Aussagen über sein Leben nur bruchstückhaft gemacht werden können, bleibt eine Ausstellung zu diesem Thema immer eine Herausforderung.

Besonders gelungen ist der Ausstellungsteil, in dem die Rezeptionsgeschichte behandelt wird. Beispielsweise wird auf Gottfried Arnolds Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie aufmerksam gemacht, die sich Müntzer erstmalig frei vom Urteil der Wittenberger Reformatoren zuwandte. Arnold war von 1702-1705 der hiesige Hofprediger und selbst Anfeindungen ausgesetzt. Aus dem Besitz des Museums stammen Grafiken und Gemälde, die zeigen, dass Müntzer auch bildende Künstler in der DDR inspirierte. Zudem erinnern sehenswerte Plakate an lokale und staatliche Aktivitäten. Auch ist ein vergleichendes Urteil über die Müntzerrezeption in Allstedt möglich, denn die in den achtziger Jahren anlässlich des 500. Geburtstags des Reformators konzipierte Schau ist weiterhin zugänglich.

Ein Porträt Müntzers, das aus seiner Lebenszeit stammt, ist nicht überliefert. Unsere Vorstellung von seinem Aussehen wurde vor allem von dem von Christoph van Sichem Anfang des 17. Jahrhunderts geschaffenen Kupferstich geprägt. Daran lehnt sich das Ausstellungssignet an. Es ist eine Müntzer-Silhouette, die die Besucher nicht nur durch die Schlossräume begleitet, sondern auch auf einem Stadtspaziergang auf Wirkungsstätten hinweist. Laut Hartke soll die gesichtslose Silhouette eine Metapher für die hier geschaffene Möglichkeit sein, sich mit dem Reformator auseinanderzusetzen. Die Ausstellung will die Besucher ermutigen, sich eine eigene Meinung über Müntzer zu bilden, und anregen, den Reformator „modern“ zu sehen: weder als den von Luther verteufelten „Satan von Allstedt“ noch als einen „sozialen Revolutionär“. Und nicht zuletzt: Die neue Ausstellung soll dazu beitragen, dass Allstedt für mehr Besucher interessant wird und die Stadt ihren Ruf als eine „versteckte Stätte der Reformation“ ablegen kann. Zu hoffen ist, dass Müntzer als eine die Reformation mitprägende historische Persönlichkeit verstanden wird und so vielen Ausstellungsbesuchern im Gedächtnis bleibt.

Marion Dammaschke


Ein Wochenende mit Thomas Müntzer in Mühlhausen

„Es müntzert wieder“ – so könnte das Fazit eines ereignisreichen Maiwochenendes lauten, denn im thüringischen Mühlhausen erinnerten zahlreiche Veranstaltungen an den radikalen Reformator Thomas Müntzer. Das jährliche „Bauernkriegsspektakel“ belebte die Straßen; in der Marienkirche erklangen Gesänge aus Müntzers „Deutsche evangelische Messe“; eröffnet wurde die Sonderausstellung der Mühlhäuser Museen „Der geprägte Reformator. Thomas Müntzer auf Münzen und Medaillen“; die Thomas-Münzer-Gesellschaft hatte den Filmhistoriker Michael Grisko (Erfurt) eingeladen, der auf ihrer Jahresversammlung unterschiedliche Deutungen des Predigers in Film und Fernsehen analysierte, und „Die Linke“ lud in ihrer Reihe „Kultur neu denken“ jetzt zum Disput über Müntzer ein.

Mühlhausen ist dafür ein guter Erinnerungsort, denn in der ehemaligen freien Reichstadt hielt der streitbare Theologe sich 1524/25 für kürzere Zeit auf, beeinflusste maßgeblich das Geschehen in der Stadt und im umliegenden Land während der Phase des Bauernkriegs in Thüringen. Er verfocht hier konsequent seine Vorstellung von der Veränderung der Menschen und der Erneuerung der Welt. Doch die Aufständischen wurden bei Frankenhausen geschlagen, die siegreichen Fürsten rächten sich mit einem Blutbad und Müntzer wurde vor den Toren Mühlhausens am 27. Mai 1525 enthauptet.

Im Gedenkjahr an den 450. Jahrestag des Bauernkriegs 1975 wurde in der säkularisierten Kornmarktkirche ein Bauernkriegsmuseum eingerichtet und Mühlhausen der Beiname „Thomas-Müntzer-Stadt“ verliehen. Unter den veränderten politischen Verhältnissen entschied 1991 die Mehrheit der Stadtverordneten, diesen Namen abzulegen. Nichtsdestotrotz, so versicherte Oberbürgermeister Hans-Dieter Dörbaum, fühlt sich Mühlhausen mit dieser historischen Persönlichkeit eng verbunden, und man wisse zu würdigen, was er geleistet hat. Auch die 2001 in Mühlhausen gegründete Thomas-Müntzer-Gesellschaft hält die Erinnerung an ihn wach und ist über weltanschauliche Grenzen hinweg ein international wirkendes Forum der Müntzerforschung.

Es gibt also gute Gründe, warum die Bundestags- und die Thüringer Landtagsfraktion der Partei „Die Linke“ zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Mühlhausen wählten, um unter Leitung der Bundestagsabgeordneten Luc Jochimsen und der Landtagsabgeordneten Birgit Klaubert über „Macht, Reformation, Freiheit“, konkreter über „Thomas Müntzers Utopie vom Land der Freien und Gleichen“ zu diskutieren.

Das Themenspektrum war breit gefächert. Es ging auch hier in einer Podiumsdiskussion um Müntzer im Film, vor allem um den Fernsehfilm „Der Satan von Allstedt“ des Mitteldeutschen Rundfunks (Michael Grisko und Drehbuchautor Matthias Schmidt), um die widerspruchsvollen Wandlungen des Müntzerbildes im Verlauf der Jahrhunderte (die Historiker Thomas T. Müller und Prof. Günter Vogler) und um die Vermittlung von Müntzers theologischen Überlegungen für die Kirchen heute (Prof. Hans-Jürgen Goertz). Diese drei Referenten unterstützten als Mitglieder der Thomas-Müntzer-Gesellschaft die Konferenz.

Dem so abgesteckten Themenrahmen schloss sich eine spannende Diskussion aus recht unterschiedlich motivierten konfessionellen Sichtweisen an, zu der Prof. Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, die Pröpstin i. R. Elfriede Begrich, der Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt Prof. Josef Freitag und der Rektor des Abraham Geiger Kollegs Rabbiner Prof. Walter Homolka beitrugen. Das interessierte Publikum verfolgte aufmerksam, wie der Impuls aufgenommen wurde, Müntzers soziales Engagement von der Theologie her zu begreifen und wie – trotz differierender Sichten – das Gemeinsame in der Verantwortung für das zukünftige Miteinander in der Welt benannt wurde. Dabei wurde das schon im 16. Jahrhundert heftig diskutierte Thema Widerstandrecht und Widerstandspflicht leider nicht vertieft, und es blieb dabei, dass die Diskutanten Müntzer einseitig die Befürwortung von Gewalt unterstellten – insgesamt aber ein Thema, das eher ausgeblendet wurde.

Substantiell weniger auf die durch Müntzer vermittelten Erfahrungen orientiert, sondern schnell zu aktuellen Fragen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisensituation überschwenkend, diskutierten Dr. Peter Gauweiler (CSU), Dr. Reinhard Höppner, ehemals Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und Bodo Ramelow von den „Linken“. Sie sahen in Müntzer eine Herausforderung, um nach der Machbarkeit von Politik zu fragen und landeten damit sehr schnell beim Pragmatischen, ohne die Chance zu ergreifen, Müntzers Ideen als Vision für das menschliche Zusammenleben in unterschiedlichen Gesellschaften einst und jetzt zu thematisieren. Dagegen sorgte Gregor Böckermann von den Ordensleuten für den Frieden für die Konkretisierung politischer Möglichkeiten, indem er seine eigenen Erfahrungen in Nordafrika und in Frankfurt am Main vorstellte, und verdeutlichte, inwieweit heute durch kuragiertes Handeln Kapitalismuskritik in die Tat umgesetzt werden kann.

Im Jahr 2017 jährt sich der 500. Jahrestag des Beginns der Reformation, der langfristig innerhalb einer Lutherdekade vom Rat der EKD vorbereitet wird. Dabei spielt Martin Luther eine zentrale Rolle. Nicht zuletzt bestärkt durch die Eindrücke aus Mühlhausen, sollte Thomas Müntzer stärker in diesem Rahmen als Repräsentant eines alternativen Reformationskonzepts, das sich in der Auseinandersetzung reformbereiter Kräfte um die frühreformatorische Rechtfertigungslehre entwickelte, gewürdigt werden.

Marion Dammaschke


Bericht an die Mitgliederversammlung der Thomas-Müntzer-Gesellschaft

am 12. Mai 2012 in Mühlhausen

Vor vier Jahren hat Prof. Günter Vogler, der Gründungsvorsitzende der Thomas-Müntzer-Gesellschaft, einen ausführlichen Bericht über die Arbeit unserer jungen Gesellschaft vorgelegt und die ersten Schritte auf dem beschwerlichen Weg, eine Gesellschaft zu werden, genau beschrieben. Seine Bilanz war ermutigend und hat die Richtung angegeben, in der sich das Bemühen, die Erinnerung an Thomas Müntzer wachzuhalten, entwickeln sollte. So war es mir damals nicht schwer gefallen, den Vorsitz der Gesellschaft aus seinen Händen zu übernehmen und sie im Einvernehmen mit dem Vorstand, besonders auch mit Günter Vogler, in die angedeutete Richtung weiter zu führen. Deshalb ist es jetzt meine Aufgabe, die Frage zu beantworten: Wo steht die Thomas-Müntzer-Gesellschaft heute?

1. Mitgliederstand

Der Mitgliederstand hat sich ein wenig verbessert. Damals zählte unsere Gesellschaft 59 Mitglieder, jetzt sind es 76 Mitglieder. Einige Mitglieder sind verstorben unter ihnen Dr. Sigrid Looß, Dr. Lodewijk Blok, Dr. Walinski-Kiel und Prof. Shinzo Tanaka), einige sind ausgetreten oder uns abhanden gekommen, andere Personen sind dankenswerterweise zu uns hinzu gestoßen, dazu zählen auch einige korporative Mitgliedschaften. Besonders spektakulär ist der Zuwachs allerdings nicht, auch wenn wir uns bemüht haben, jüngere Mitglieder zu gewinnen und für korporative Mitgliedschaften zu werben. Über den festen Mitgliederbestand hinaus gibt es aber etliche Kontakte zu Institutionen und Personen, die sich für unsere Veröffentlichungen interessieren, sie regelmäßig ordern, sich auch gelegentlich Rat zur Müntzerforschung holen und eine etwaige Mitgliedschaft in Aussicht stellen. So möchte ich hier die Gelegenheit nutzen, alle Mitglieder zu bitten, weiterhin in Freundes- und Bekanntenkreisen um neue Mitglieder zu werben. Die direkte Ansprache dürfte erfolgreicher sein als die Wirkung unserer Veröffentlichungen.

2. Unsere Jahresversammlungen

Im Berichtszeitraum sind jährlich Versammlungen der Müntzer-Gesellschaft im Mai zu unterschiedlichen Themen einberufen worden. Diese Versammlungen sind die Hauptsäule unserer Arbeit. Dafür konnten ausgewiesene Referenten gewonnen werden: Prof. Thomas Kaufmann, Kirchenhistoriker in Göttingen, hat den Themenkomplex „Thomas Müntzer und die Zwickauer Propheten“ noch einmal nach langen Jahrzehnten durchforscht und mit der erweiterten Druckfassung einen wichtigen Beitrag zur Müntzerforschung geleistet. Niemand, der sich mit der Biographie und theologischen Entwicklung Müntzers beschäftigt, wird in Zukunft an dieser Publikation vorbeigehen können. Dr. Alejandro Zorsin, einst Kirchenhistoriker in Buenos Aires, ist den Spuren Müntzers in Lateinamerika im Zusammenhang mit den Bemühungen um eine Theologie der Befreiung oder eine Theologie der Revolution nachgegangen und hat die bemühte Rezeption Müntzers unter Theologen, Kirchenhistorikern und Campesinos nachgezeichnet. Prof. James M. Stayer, einer der bekanntesten Täuferforscher und in der Müntzerforschung kein Unbekannter, ist der Frage der Apokalyptik bei Müntzer noch einmal im kritischen Gespräch mit der einschlägigen Literatur nachgegangen, und Dr. Hartmut Kühne hat den apokalyptisch aufgeladenen Zeithorizont aus überwiegend volkskulturellem Quellenmaterial nachgezeichnet, der Müntzer und der frühen lutherischen Reformation gemeinsam war. Nachdem wir uns in diesem Jahr Müntzer im Filmschaffen der letzten Jahrzehnte zugewandt haben, liegt es nahe - in Anknüpfung an unser Kolloquium zu Müntzer in Bild und Skulptur - mit der Verarbeitung des Müntzerstoffs in der Literatur zu beschäftigen. Mit diesem Thema wird sich die nächste Jahresversammlung 2013 zu beschäftigen beginnen.

3. Unsere Veröffentlichungen

In dem Berichtszeitraum sind alle Vorträge, die auf den Jahresversammlungen gehalten wurden, in den Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft herausgebracht worden, redaktionell von Herrn Sünder (Stadtarchiv) und Herrn Gruneberg (Mühlhäuser Museen) dankenswerterweise fachmännisch betreut. Die Vorträge wurden teilweise stark erweitert und illustriert. Außerdem erschien in unserer Reihe noch die Festschrift für Siegfried Bräuer zum 80. Geburtstag unter dem Titel Thomas Müntzer Zeitgenossen, Nachwelt (2010) als Heft Nr. 14, genauso genommen ein veritables Buch von 320 Seiten. Außerhalb der Vortragsreihe konnte vorher schon das Heft Nr. 13 von Günter Vogler herausgebracht werden: Thomas Müntzer in einer Bildgeschichte, mit zahlreichen, erstmals veröffentlichten lavierten Tuschzeichnungen eines anonymen Künstlers aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Aus dem eigenen finanziellen Fundus hätten diese beiden Publikationen nicht auf den Markt gebracht werden können. Die Bildgeschichte ist mit Hilfe eines Druckkostenzuschusses der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Vereins für Reformationsgeschichte finanziert worden, der das Heft separat für seine Mitglieder druckte, und uns Exemplare mit einem eigenen Cover überließ. Das hat uns sehr geholfen. Für die Festschrift konnten Druckkostenzuschüsse der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens, der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands und der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirchen Deutschlands eingeworben werden. Gleichzeitig haben die Mühlhäuser Museen die Drucklegung technisch unterstützt, was uns auch finanziell entlastet hat.

Ohne den jährlichen Zuschuss der Stadt Mühlhausen wäre es uns nicht möglich gewesen, die laufenden Hefte der Jahresversammlungen in ihrer ansprechenden Form herauszubringen. Dafür sind wir dem Oberbürgermeister der Stadt besonders dankbar. So sind wir weiterhin auf auf Zuschüsse oder Spenden anderer oder auf Kooperationen angewiesen. Ergebnis einer solchen Kooperation ist in diesem Jahr die Veröffentlichung des Bestandskatalogs zur Ausstellung „Der geprägte Reformator“ als Heft Nr. 17 unserer Schriftenreihe. Mit diesen Schriften haben wir uns bemüht, öffentlich präsent zu sein und für die Arbeit der Müntzer-Gesellschaft zu werben. Dass die Nachfrage nach unseren Veröffentlichungen durch konkrete Werbemaßnahmen noch verstärkt werden könnte, steht außer Frage. Darauf muss sich die Arbeit in den kommenden Jahren noch mehr konzentrieren als bisher.

4. Internet-Präsenz

Die Homepage unserer Gesellschaft (www.thomas-muentzer.de) ist in den vergangenen Jahren erweitert worden. Es ist uns gelungen, die Grundinformation zu Thomas Müntzer auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung mit einem Lexikonartikel (aus: www.mennlex.de) zu verbessern, den unser Vorstandsmitglied Siegfried Bräuer geschrieben hat und der in sechs weiteren Sprachen online gestellt wurde: neben der deutschen Version noch auf englisch, französisch, niederländisch, spanisch, russisch und sogar japanisch. Damit deuten wir den internationalen Zuschnitt unserer Gesellschaft an: ein Gruß an die Mitglieder im Ausland und ein Hinweis auf unser Bemühen, den Kontakt zur internationalen Community of Scholars und potentiellen Müntzersympathisanten in aller Welt zu verbessern und weiterhin zu pflegen. Neben dieser Grundinformation zu Leben und Werk Müntzers werden regelmäßig die jährlichen Versammlungen unserer Gesellschaft auf dieser Homepage angekündigt und in Zukunft auch Forschungsberichte und Hinweise auf Neuerscheinungen, Tagungen und Ausstellungen veröffentlicht, die sich im engeren oder weiteren Sinne auf Thomas Müntzer beziehen. So lässt sich die Information über Aktivitäten um Thomas Müntzer sowohl für die Mitglieder unserer Gesellschaft als auch für die interessierte Öffentlichkeit in Zukunft bündeln.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich unserem Webmaster, Herrn Max Agsten, dafür danken, dass er unsere Homepage fachmännisch eingerichtet hat und weiterhin betreuen will.

5. Öffentlichkeitsarbeit

Erhöhte Aufmerksamkeit wandte der Vorstand den Veranstaltungen zur sogenannten Luther-Dekade zu, die das große Luther-Jubiläum 2017 vorbereiten. So hat Prof. Günter Vogler beispielsweise Refarate zu Thomas Müntzer anlässlich der Mitgliederversammlung des Vereins für Reformationsgeschichte (2011) und eines Kolloquiums der Evangelischen Akademie in Wittenberg (2011) gehalten. Um Müntzer in der Luther-Dekade nicht ganz in den Schatten der Öffentlichkeitsarbeit für den Wittenberger Reformator rücken zu lassen, hat der Vorstand die Einladung des Bundestags- und Landtagsfraktionen Die Linke angenommen und deren Mühlhäuser Tagung „Kultur neu denken“ zum Thema Thomas Müntzer mit eigenen Beiträgen zu unterstützen. Daran sind Thomas Müller mit dem Eröffnungsvortrag, Günter Vogler und der Vorsitzende mit Thesen zu einzelnen Gesprächsrunden beteiligt. Die Veranstalter haben sich auch bei der Gesamtplanung ihrer Tagung von uns beraten lassen. Beraten hatten Vorstandsmitglieder vorher schon die Produktionsgremien der beiden letzten Fernsehfilme zu Müntzer: Thomas Müller und Siegfried Bräuer beim MDR und der Vorsitzende, Siegfried Bräuer und unser Mitglied Thomas Kaufmann beim ZdF. Im Informationsmaterial beider Fernsehanstaltungen finden sich Hinweise auf die Thomas-Müntzer-Gesellschaft in Mühlhausen.

Unser Schriftführer, Thomas T. Müller, hielt darüber hinaus 2011 auf einer Konferenz anlässlich der Ersterwähnung des Ortes Frose in Sachsen-Anhalt vor 1075 Jahren einen Vortrag über Thomas Müntzers Wirken an der dortigen Stiftskirche. Martin Sünder hat für die Mühlhäuser Stadtführer im Jahr 2010 eine umfangreiche Weiterbildung zu neuen Forschungsergebnissen und zum aktuellen Müntzerbild abgehalten. Mit mehreren, teils auch referierenden Vorstandsmitgliedern war die Gesellschaft auf einer großen Tagung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 2009 in Wittenberg zum Thema „Reformation und Bauernkrieg“ vertreten.

Ein wichtiges Ziel für den Berichtszeitraum war die stärkere Bekanntmachung unserer Schriftenreihe. So erschienen unter anderem Einzelrezensionen, aber auch Sammelbesprechungen und –anzeigen in der Zeitschrift für Thüringisches Geschichte, der Harzzeitschrift, der Eichsfelder Heimatzeitschrift, den Mühlhäuser Beiträgen, den Eschweger Geschichtsblättern und den Mennonitischen Geschichtsblättern. Darüber hinaus hat Dr. Peter Matheson (Neuseeland) eine umfangreiche englischsprachige Sammelbesprechung neuerer Literatur zu Thomas Müntzer in Mennonite Quarterly Review 1/2012 veröffentlicht. Ausführlich wird hier auch die neue Edition der Briefe Thomas Müntzers besprochen, die Siegfried Bräuer und Manfred Kobuch in der Thomas Müntzer Ausgabe (Bd. 2) herausgegeben haben, ebenso der Quellenband von Siegfried Hoyer und Wieland Held in derselben Ausgabe (Bd. 3).

7. Arbeit des Vorstands

Alle Aktivitäten, von denen ich berichtet habe, sind im Vorstand entweder auf der jährlichen Vorstandssitzung jeweils am Vorabend der Jahresversammlungen oder telefonisch unter den Mitgliedern des Vorstands ausführlich beraten, beschlossen und vorbereitet worden. Ich bin besonders dankbar dafür, dass alle Vorstandsmitglieder den Vorsitzenden in jeder erdenklichen Weise unterstützt haben. Das gilt vor allem für die Anregungen zur thematischen Durchführung der Jahresversammlungen, die Herstellung der Kontakte zu Referenten und - was die Finanzierung unserer Veröffentlichungen betrifft - zu Institutionen, die uns mit ihren teilweise großzügigen Druckkostenzuschüssen sehr geholfen haben. Inzwischen sind die anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten, von denen noch im letzten Bericht vor vier Jahren berichtet werden musste, überwunden und alle Vorstandsmitglieder zu einem effektiven Team zusammengewachsen. Alle Mitglieder des Vorstands sind bereit, die Arbeit mit ihren unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten, ihren zahlreichen Verbindungen zu Kirche und Verwaltung, zu Museen und akademischen Einrichtungen zum Wohle der Thomas-Müntzer-Gesellschaft fortzusetzen, sofern sie von der Mitgliederversammlung wiedergewählt werden.

8. Abschließende Bemerkungen

1. Anlässe, an Leben und Werk Müntzers zu erinnern, wird es um das Luther-Jubiläum 2017 herum genug geben. Sie gilt es im einzelnen ausfindig zu machen und sich mit dem einen oder anderen Mitglied unserer Gesellschaft ins Gespräch zu bringen. Gefragt sind nicht nur Veteranen vergangener Forschungsauseinandersetzungen, sondern auch jüngere Kolleginnen und Kollegen. Sie gilt es zu unterstützen. Außerdem wäre es wohl ratsam, eine Liste derjenigen zusammen zu stellen, die augenblicklich an Dissertationen über Müntzer und seinen Umkreis arbeiten. Vielleicht können wir uns diese Aufgabe teilen und bei uns bekannten Kollegen nachfragen und die Informationen an unseren Schriftführer weiterleiten. So ließe sich unsere Gesellschaft auch zu einer Informations- und Forschungsagentur zu Müntzer ausbauen.

2. Ratsam wäre es auch, den Vorschlag unserer Mitglieder Christina und Eberhard Vater aus Mühlhausen aufzugreifen, Müntzer in den Diskussionen zu Gehör zu bringen, in denen heute um Fragen der Spiritualität diskutiert wird. Müntzer hat die Frömmigkeit der mittelalterlichen Mystik in den Protestantismus hinübergerettet und reiligiöse Innerlichkeit mit sozialem bzw. sozialrevolutionärem Engagement verbunden. Beides theologisch miteinander ins Verhältnis zu setzen, dürfte auch heute ein Desiderat sein.

3. Wie das Programm der Tagung „Kultur neu denken“, die sich an unsere Jahresversammlung anschließt, zeigt, wird in einer Gesprächsrunde darüber nachgedacht, welche Bedeutung Müntzer für Theologie und Kirche heute haben könnte. Das ist eine Frage, die von einer Jahrhunderte langen Häretisierung der Theologie Müntzers zu diskutieren vereitelt wurde; und das ist eine Frage, die im Zuge der politischen Rezeption Müntzers nach dem Zweiten Weltkrieg in der Situation, in der sich die Evangelischen Kirchen in Deutschland befanden, tabuisiert wurde. Müntzer war den Kirchen nicht nur fremd, sondern noch einmal zum Feind geworden. Auf der falschen Seite konnte - so nahm man wohl an - keine richtige Theologie gedeihen. So ist jetzt die Zeit gekommen, nicht nur die historischen Studien zu Leben und Werk Müntzers voranzutreiben (das ist die vorrangige Aufgabe der Thomas-Müntzer-Gesellschaft), sondern in Gesprächen mit Theologen, Vertretern der Kirchen und der ökumenischen Bewegung nach Wegen zu suchen, Impulse aus der Theologie Thomas Müntzers für die theologischen Bemühungen unserer Tage wirksam werden zu lassen. „Das Volk wird frei werden und Gott wird der Herr darüber sein“, dieser Schlusssatz aus der Hochverursachten Schutzrede gegen Martin Luther ist noch nicht eingelöst. Das könnte uns helfen, dem Image eines Traditionsvereins entgegen zu wirken und der Beschäftigung mit Thomas Müntzer über das geschichtswissenschaftliche Interesse hinaus neue Aktualität zu verleihen.

gez. Hans-Jürgen Goertz

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